Whitebird

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Gesundheitsamt Frankfurt: Erfolgreich digitalisiert! |
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Gesundheitsamt Frankfurt:
Erfolgreich digitalisiert!
Das Gesundheitsamt Frankfurt am Main zeigt, wie vernetzungsfähige Verwaltungssoftware aussehen muss. Seine Open-Source-Entwicklung GA-Lotse könnte in einer künftigen Pandemie Leben retten.
11. März 2026 um 12:00 Uhr / Ein Bericht von Gerd Mischler
Dieser Golem-Plus-Text ist 24 Stunden lang frei verfügbar.
Alles richtig zu machen, ist keine Kleinigkeit. Doch genau das ist dem Gesundheitsamt (GA) in Frankfurt am Main beim größten Open-Source-Entwicklungsprojekt im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) gelungen. Mit der selbstentwickelten Plattformlösung GA-Lotse für die behördeninterne Zusammenarbeit und den Kontakt zu Bürgern haben die Frankfurter auch alle Vorgaben des Paktes für den ÖGD erfüllt. Mit diesem fördert der Bund seit 2021 mit insgesamt 800 Millionen Euro die Digitalisierung der Verwaltung im öffentlichen Gesundheitsdienst. Manchen Bundesländern war dessen Zielsetzung jedoch egal.
GA-Lotse dagegen ist eine modular aufgebaute, plattformbasierte Open-Source-Lösung, mit der die gut 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitsamts Frankfurt am Main seit Oktober 2024 unter anderem jedes Jahr die Einschulungsuntersuchung für gut 7.000 Kinder, die HIV-/STI- sowie Impfberatung, die für bestimmte Personengruppen verpflichtende Masernimpfung sowie Hygienebegehungen in Krankenhäusern, Physiotherapie- und Arztpraxen oder Fitnessstudios bearbeiten. GA-Lotse läuft dabei auf jedem Endgerät. Künftig will die Behörde alle ihre Verfahren mit einem entsprechenden Modul verwalten.
Dieses wird dazu jeweils an die vorhandenen Module angeschlossen. Ein Basismodul koordiniert sämtliche Verfahren und bietet unter anderem eine Statistik- und Chatfunktion für die Zusammenarbeit im Gesundheitsamt. Über das Grundmodul können Bürgerinnen und Bürger zudem bereits heute online Termine buchen und verschieben sowie dafür benötigte Daten und Dokumente sicher hochladen.
Agile Entwicklung und enge Einbindung aller Mitarbeiter
Entwickelt hat GA-Lotse in nur elf Monaten ein Team von zeitweise 120 Personen. Diesem gehörten Entwickler und Entwicklerinnen, UX-Spezialisten, Datenschutzbeauftragte sowie Kolleginnen und Kollegen aus der Verwaltung an. Denn wer später mit der Software arbeiten sollte, sollte sie auch mitgestalten.
Deshalb analysierten die Product Owner des Projekts im behördeninternen Entwicklerteam, Bianca Kastl und Tim Lusa, gemeinsam mit Angehörigen der Fachabteilungen in einzelnen Frankfurter Gesundheitsämtern bestehende Prozesse und entwarfen neue digitale Abläufe, wo das nötig war. "Wir wollten nicht digitalisieren, was schlecht läuft", sagt Bianca Kastl. "Wir wollten bessere Prozesse gestalten – gemeinsam."
"Wir haben uns daher erst mal ein Jahr Zeit genommen und als allererstes alle unsere Prozesse von Anfang bis Ende dokumentiert. Die Kolleginnen und Kollegen haben wir dabei gefragt, ob sie einen Ablauf so haben wollen, und falls nicht, wie sie ein Verfahren lieber durchführen würden", berichtet der Leiter des Gesundheitsamtes, Peter Tinnemann.
Pain Points in der Arbeit abstellen
Wenn ein Prozess geändert werden sollte, berieten die IT- und UX-Fachleute aus dem Team zudem dazu, welche digitalen Möglichkeiten sich für die Optimierung nutzen ließen. "Die Kolleginnen und Kollegen hatten so die Chance, Pain Points in ihrer Arbeit abzustellen", ergänzt Stefanie Kaulich. Sie leitet die Abteilung Digitalisierung, IT und strategische Planung des Gesundheitsamts Frankfurt am Main.
Weil die Entwicklerinnen und Entwickler in iterativen Sprints arbeiteten und im Amt regelmäßig den Arbeitsstand der neuen Software präsentierten, sahen die Beschäftigten aus den Fachabteilungen, dass ihre Anregungen, Vorstellungen und Wünsche auch tatsächlich umgesetzt wurden. "So wurde GA-Lotse zu deren eigenem Produkt, nicht zu einer Lösung, die von oben vorgegeben wird", so Kaulich.
"Als GA-Lotse dann live ging und zunächst parallel zur bisherigen Software lief, dauerte es keine sechs Wochen, bis die Kolleginnen und Kollegen nur noch mit der neuen Lösung arbeiteten", freut sich Amtsleiter Peter Tinnemann.
Die Digitalisierung des Gesundheitsamtes gelang durch diese Herangehensweise so gut, dass das Entwicklungsteam 2025 einer der Gewinner des Preises für gute Verwaltung war. Auch auf der Smart Country Convention (SCC) in Berlin war GA-Lotse im Oktober 2025 einer der Finalisten des Open-Source-Wettbewerbs der SCC.
Verantwortlicher Umgang mit öffentlichem Geld
Sowohl für GA-Chef Peter Tinnemann als auch für sein Team galt von Anfang an das Prinzip: Public Money, Public Code. Der Quellcode von GA-Lotse steht unter AGPL-3.0- und Apache-2.0-Lizenz auf Gitlab zur Verfügung. "Wir arbeiten in der Verwaltung, kriegen Steuergelder und wollen verantwortlich und im besten Sinne mit diesen Mitteln umgehen. Dazu passt einfach nur, dass mit dem Geld entwickelter Code auch öffentlich zur Verfügung gestellt wird", betont Tinnemann.
Nur so ließen sich zudem die im Förderleitfaden des Paktes für den ÖGD formulierten Ziele erreichen. Das sind neben der Verwendung von Open Source die Interoperabilität und bundesweite Nachnutzbarkeit mit den Geldern entwickelter Lösungen.
Außerhalb Hessens nutzen inzwischen vier Kommunen in Schleswig-Holstein GA-Lotse. Sie entwickeln dafür sogar eigene Fachverfahren, etwa für die Ausstellung von Todesbescheinigungen oder im Bereich der Psychiatrie. In Hessen nutzen 25 Gesundheitsämter die Lösung.
Auch Ämter, die mit Gesundheit gar nichts zu tun haben, wollen GA-Lotse einsetzen. "Denn wenn wir beispielsweise eine strukturierte, standardisierte, checklistenbasierte Begehung eines Krankenhauses im Rahmen einer Hygieneprüfung machen oder eine Brandschutzdienststelle oder Bauaufsichtsbehörde eine standardisierte, checklistenbasierte Begehung eines Hotels oder Bürogebäudes vornimmt, ist der strukturelle Unterschied zwischen den Aufgaben nicht sehr groß", erklärt Peter Tinnemann. Auch ein Bauamt könne seine Verfahren daher mit GA-Lotse digitalisieren.
Behörden, die die Software verwenden wollen, können künftig auch die zugrunde liegende Infrastruktur als Dienstleistung nutzen. Darin ist die Lösung extrem einfach zu skalieren.
Da GA-Lotse Infrastructure as Code nutzt, muss nur dieser angepasst werden, wenn beispielsweise ein weiteres Gesundheitsamt das System einsetzen will. Steuerung und Management laufen dann über Kubernetes. Der Anpassungsaufwand beschränke sich daher meist auf zehn Minuten, berichtet Product Ownerin und Entwicklerin Bianca Kastl. Das gesamte System läuft auf Clouds von Exoscale in Frankfurt und München.
In Krisen kommt es auf die Vernetzungsfähigkeit von IT-Lösungen an
Die Entwicklung von Open-Source-Code für GA-Lotse hat im ÖGD aber noch eine weitere Bedeutung. Bei Pandemien oder Seuchen muss der öffentliche Gesundheitsdienst Daten austauschen. Nur wenn ihm das gelingt, hat er die Transparenz über das Krankheitsgeschehen, die er braucht, um es einzudämmen und zu bewältigen.
In der Coronapandemie ist der ÖGD genau an dieser Aufgabe gescheitert. Um das künftig zu verhindern, beschloss die Bundesregierung 2020 den Pakt für den ÖGD. Dieser selbst ist zwar keine kritische Infrastruktur. Wenn er Daten austauschen kann, hat er in Krisen jedoch de facto eine solche Funktion für die öffentliche Gesundheit und Sicherheit.
Um den Pakt für den ÖGD zu erfüllen, müssen geförderte Lösung daher vernetzungsfähig sein. Denn in Gesundheitsämtern, Arztpraxen und Kliniken gibt es nicht zu wenige, sondern zu viele digitale Systeme. Um im Krisenfall leistungsfähig zu sein, muss eine Lösung zwar noch nicht sofort tatsächlich auch mit anderen vernetzt sein.
"Aber sie muss dafür vorbereitet sein, dass sich mit ihr Daten austauschen lassen, wenn es darauf ankommt – etwa bei einer weiteren Pandemie", erklärt Bianca Kastl. "Deshalb haben wir bei der Entwicklung von GA-Lotse die Vernetzung von Anfang an mitgedacht. Denn die Verwaltung muss vernetzt sein, wenn sie evidenzbasiert arbeiten will." Dazu braucht sie Daten. "Deren Austausch funktioniert mit Open Source besser als mit proprietärer Software", so Kastl.
Andere entwickeln mit Millionen Euro öffentlichen Gelds Insellösungen
Das haben nicht alle Bundesländer und Kommunen verstanden. Schon 2024 zeigte eine Untersuchung des Fachmagazins "Das Gesundheitswesen", dass ein erheblicher Teil der Mittel aus dem Pakt für den ÖGD in Landes- und Kommunalprojekte floss, die sich nur sehr begrenzt an übergeordnete Strukturen anbinden lassen.
So ließen drei Bundesländer für mehr als 100 Millionen Euro drei Fachanwendungen entwickeln, die jeweils weitgehend das Gleiche können. Vier Länder entwickelten mit vielen weiteren Millionen Euro vorhandene Anwendungen weiter. Insgesamt wurden so für Insellösungen mindestens 155 Millionen der 800 Millionen Euro Fördergeld ausgegeben.
Open Source hat sich trotz der Förderrichtlinie des Paktes also nicht flächendeckend durchgesetzt. Teils setzen Bundesländer sogar auf proprietäre Lösungen, die grundlegende Anforderungen an Performanz und Datensicherheit nicht erfüllen.
Sachsen etwa verwendet im ÖGD Octoware, eine proprietäre Fachanwendung der Easy-soft GmbH aus Dresden. In Berlin ließ sich das Modul der Software für den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst allerdings nie in allen Funktionen implementieren. Fachbereiche des ÖGD in der Bundeshauptstadt monierten mehrmals veraltete technische Grundlagen und die fehlende Anschlussfähigkeit der Lösung an moderne Architekturen.
Nordrhein-Westfalen wiederum schaltete im Herbst 2025 den Dienst KV-Connect ab. Damit übermittelten Ärztinnen und Ärzte die Ergebnisse der standardisierten Früherkennungsuntersuchungen für Kinder, der sogenannten U-Untersuchungen, an eine zentrale Stelle des Landes. Seit der Abschaltung tun sie das wieder auf Papier. Das ist für die Untersuchungen U4 bis U9 auch in Rheinland-Pfalz so.
Damit unterscheiden sich diese Länder nicht groß von der Vereinheitlichung des Datenaustausches im Bund. Nach dem 2021 erlassenen Registermodernisierungsgesetz (g+) hätte die Vernetzung der 18 wichtigsten deutschlandweiten Datenregister zum Jahresende 2025 abgeschlossen sein müssen. Das ist nicht der Fall.
Auch fehlen zur Umsetzung des Projektes wenigstens 300 Millionen Euro. Der Bundesrechnungshof warnt daher, dass die für das Projekt Verantwortlichen auch die nun für 2028 gesteckte Frist nicht einhalten könnten.
Doch statt selbst zu liefern, dissen die Berater des Bundes einzelne Bundesländer lieber, weil deren digitale Lösungen Schwächen haben. Vor diesem Hintergrund hat das Gesundheitsamt in Frankfurt am Main wirklich alles richtig gemacht.
Dieser Artikel erscheint bei Golem Plus, weil ...
... er anhand des konkreten Projekts GA-Lotse des Gesundheitsamts Frankfurt am Main zeigt, wie eine konsequent offene, modulare und nutzerzentriert entwickelte Softwarelösung die Digitalisierung im öffentlichen Gesundheitsdienst erfolgreich umsetzen kann. Gleichzeitig liefert er eine kritische Analyse, warum viele andere, mit Millionen Euro finanzierte Projekte an mangelnder Interoperabilität, proprietären Systemen und föderalen Insellösungen scheitern.
| Zitat: |
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warum er danach "verschlüsselt" wird, lässt einige fragezeichen im raume stehen....
quelle: golem.de
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Der frühe Vogel trinkt 'n Korn???
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